Empfang des Solidaritätsvereins Xirbaqub in Spandau

Meine Rede:

Liebe Freundinnen und Freunde aus Varto

Vielen Dank für die herzliche Einladung und für die Möglichkeit, hier ein paar Worte sagen zu können;

Mein Name ist Helin Evrim Sommer, ich bin seit letztem Jahr Bundestagsabgeordnete für die Partei DIE LINKE; bin studierte Geschichts- und Geschlechterwissenschaftlerin. Ich bin sehr früh in die Politik eingestiegen: 1999 wurde ich ins Berliner Landesparlament gewählt. Damals war ich mit 26 Jahren die jüngste Frau im Parlament; und ich war auch eine der ganz wenigen Abgeordneten mit Migrationsbiografie. 17 Jahre lang war ich dann Abgeordnete des Landes Berlin; im Zentrum meiner politischen Arbeit standen die Gleichberechtigung der Frauen, der Antifaschismus und die Entwicklungspolitik; immer aber habe ich mich für die Selbstbestimmung der Kurdinnen und Kurden in Berlin, in Deutschland aber auch in der Türkei eingesetzt. Nun mach ich im Bundestag Außenpolitik, bin die Entwicklungspolitische Sprecherin meiner Fraktion DIE LINKE. Mein Aufgabenfeld ist die Hilfe für die Länder des Südens, die von Krieg und Armut gezeichnet sind:

Unsere Linke Entwicklungspolitik baut auf drei Säulen auf,

  1. einen gerechten Welthandel,
  2. die Bekämpfung des Klimawandels und
  3. eine friedliche Außenpolitik.

Dabei ist mein Schwerpunkt der Mittlere und Nahe Osten, ganz klar geht es dabei auch um Kurdistan.

Ich stamme wie ihr aus Varto – allerdings nicht aus dem Dorf Xirbaqub, sondern aus dem benachbarten Dorf Tasci; 1971 bin ich dort auf die Welt gekommen – in einer kalten Winternacht. Mit sechs Jahren war ich aber auch einmal in Xirbaqub, weil meine Tante Gule dort eingeheiratet hat und ich sie dort besuchte. Ich habe ein Teil meiner Kindheit in Varto verbracht, bin dort bis zur 4. Klasse auf die Atatürk-Grundschule gegangen.1980 musste meine Familie in einer Nacht- und Nebelaktion aus Varto flüchten, weil mein Vater als linker Gewerkschaftler, Lehrer und Kurde auf der Todesliste der türkischen Militärjunta stand. Wir flohen nach Westberlin und ich fand hier ein sicheres Zuhause; meine Leben als Berlinerin begann übrigens hier in Spandau. Zwar wurde Berlin meine neue Heimat, aber Varto ist immer in meinem Herzen geblieben; in diesem Sinne ist Eure Geschichte natürlich auch meine Geschichte. Ich war seit mehr als 10 Jahren nicht mehr in Varto und in der Türkei. Aufgrund meiner politischen Arbeit wäre das zu gefährlich. Mein Vater reiste vor drei Jahren das letzte Mal dorthin und wurde prompt festgenommen und inhaftiert. Nur durch ein Wunder, konnte er wieder nach Deutschland zurückkommen.

Ich finde eure Arbeit als Kultur- und Solidaritätsverein toll und möchte sie aus ganzem Herzen unterstützten. Ich finde euren Solidaritätsgedanke richtig und wichtig, man darf nie vergessen woher man kommt und wen man zurückgelassen hat. Man muss den Menschen im Dorf helfen, die nicht die Möglichkeit haben, irgendwo hinzugehen, um sich ein besseres Leben aufzubauen.

In gewissem Sinne machen wir im Bundestag und ihr als Verein dieselbe Arbeit: wir wollen die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort verbessern, damit sie nicht ihr Heimatland verlassen müssen. Leider aber trägt Deutschland in der Welt auch die Verantwortung dafür, dass Menschen aus ihren Ländern fliehen müssen. So liefert Deutschland unentwegt Waffen in Krisengebiete. So hat die Bundesregierung Anfang des Jahres eine Waffenlieferung von vier Milliarden Euro an die Türkei genehmigt. Damit macht sie sich mitschuldig am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Kurden in Afrin. Überhaupt agiert die Bundesregierung als verlängerter Arm des Erdogan-Regimes. Und der Umgang mit uns Kurden war und ist der deutschen Außenpolitik untergeordnet. Die unterstützt Erdogan. Damit wird die gesellschaftliche Anerkennung der Kurden geschmälert und unsere berechtigten Anliegen komplett ignoriert. Wir werden kriminalisiert und als Sicherheitsproblem eingestuft, auch bei der Integrationsförderung werden wir mehrfach benachteiligt und ausgegrenzt. Deshalb braucht Deutschland eine eigenständige Kurdenpolitik und dafür kämpfe ich im Bundestag. In Deutschland leben über eine Million Kurden -  wir sind Teil dieses Landes und wollen auch gleichberechtigt behandelt werden. Und das ist unser gutes Recht!

Es gibt viele Möglichkeiten, dafür zu kämpfen. Wichtig ist, dass wir uns dabei solidarisch unterstützen. In diesem Sinne freue ich mich auf unsere enge Zusammenarbeit. Und gerne bin ich im Bundestag eure Ansprechpartnerin. Vielen Dank noch einmal für die Einladung und ich freue mich sehr auf die Musik.

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Evrim Sommer